Kleine Stadt mit großen Klimazielen - Uebigau-Wahrenbrück setzt 140-Seiten-Konzept mit Klimamanager um

Cottbus empfängt heute die Teilnehmer des 18. Brandenburger Energietages. Es geht um Energiewende-Herausforderungen. Und auch um Erfahrungen in Kommunen. Die Stadt Uebigau-Wahrenbrück präsentiert ihr Klimaschutzkonzept. Andreas Claus ist seit 13 Jahren Bürgermeister der Stadt Uebigau-Wahrenbrück. Die beiden Kommunen im Elbe-Elster-Kreis liegen sieben Kilometer auseinander. Doch der parteilose Rathauschef hat sie zumindest in Sachen Klimaschutz fest aneinander geschmiedet. Denn Uebigau-Wahrenbrück besitzt seit 2013 ein 140 Seiten dickes Klimaschutzkonzept, das auch jedem Landkreis gut zu Gesicht stehen würde.

Auf dem Energietag im Radisson Blu Hotel Cottbus wird Andreas Claus nun vortragen, wie die Stadt mit gerade einmal 5500 Einwohnern von der Idee bis zum Projekt eines Klimaschutzprogramms mit Klimaschutzmanager und künftigen eigenen Gemeindewerken gekommen ist. Dafür allerdings muss Andreas Claus etwas ausholen: Immer wieder hat er sich über Brandenburgs wirtschaftliche Entwicklungsstrategie "Stärken stärken" geärgert. Nicht, weil er sie für falsch hielte. "Aber damit werden die Schwachen schwächer gemacht", sagt der Bürgermeister. Als kleine Kommune außerhalb des Wirtschaftskerns Westlausitz habe man kaum Chancen auf Förderung. Selbst als Uebigau-Wahrenbrück vor acht Jahren zu den Zukunftsorten in der Lausitz gekürt wurde und wenig später Know-how für das Projekt "Innovative Energieorte" im ländlichen Raum entwickelt hatte, war eine Fortführung der Ideen nicht absehbar. "Für unsere Verwaltung war eine personelle Untersetzung nicht leistbar. Und Hilfe gab es nicht", schildert Claus.

Da kam ihm das Förderprogramm des Bundes zur Erarbeitung eines integrierten Klimaschutzkonzeptes gerade recht. 85 Prozent der Kosten würden durch den Energie- und Klimafonds der Bundesregierung getragen. Ein Kasseler Büro legte Ende 2013 ein vom Bürgermeister in Auftrag gegebenes 140 Seiten umfassendes Klimaschutzkonzept für die Stadt vor. Enthalten waren eine Ist-Analyse zur kommunalen Energie- und Kohlendioxidbilanz, das Einsparpotenzial in der Stadt wurde aufgelistet, Vorschläge für die Umsetzung ebenfalls mitgeliefert. Seither ist Uebigau-Wahrenbrück in großem Stil auf dem Pfad des Klimaschutzes. Es sind zwei Windparks entstanden. Beides Investorenmodelle. Von den erzeugten 85 Gigawattstunden pro Jahr verbraucht die Kommune etwa ein Fünftel. Kommunale Gebäude im Zentrum der Ackerbürgerstadt Uebigau werden gerade saniert und auf Erdwärmeversorgung umgestellt. Eine Tankstelle für Elektromobilität ist am Parkplatz des Industriedenkmals Brikettfabrik "Louise" Domsdorf – einer von 21 Ortsteilen – vor gut einer Woche eingeweiht worden. Der Bürgermeister "träumt" davon, dass im Uebigauer Gewerbegebiet, das täglich mehr als 400 Mitarbeiter der ansässigen Firmen ansteuern, einmal komplett auf Elek troautos umgestellt werden könnte. Das ist eher Zukunftsmusik.

Das Bürgerwindrad dagegen dreht sich. Dafür ist vor zwei Jahren eigens die Bürgerwind GmbH & Co KG gegründet worden. Doch beteiligen konnte sich bisher noch niemand. Die Stadt musste auf die Genehmigung der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) warten. "Jetzt aber geht es los", verweist Claus auf den 2. November, an dem es eine Bürger-Info-Veranstaltung geben wird. Der Zeichnungsrunde stehe nichts mehr im Wege. "Ich habe ein gutes Gefühl. Immerhin gibt es schon 85 Interessenten", sagt der Bürger-meister. Sie können mit Einlagen zwischen 1500 und 25 000 Euro Teilhaber werden und so von den Gewinnen der erneuerbaren Energieerzeugung profitieren.

Unumwunden sagt der Rathauschef, dass für so manche Entscheidung im Stadtparlament Mehrheiten organisiert werden mussten. Flächenverpachtungen würden stets zu einem Streitobjekt. Aus Sicht von Andreas Claus seien private Verpächter endlich dazu gekommen, ihre Grundstücke und Häuser in Ordnung zu bringen. Und die Verpachtung von Flächen durch die Röderland GmbH, die auch eine Biogasanlage betreibt, "trägt dazu bei, dass der Agrarbetrieb widerstandsfähiger gegenüber Einnahmeausfällen nicht nur bei Milch geworden ist", reagiert Claus auf derartige Vorhaltungen.

Dennoch: Für Thomas Lehmann "muss es erlaubt sein, Dinge zu hinterfragen". Den CDU-Stadtverordneten treibt um, "wo in Sachen Klimaschutz die Grenze zwischen Idealismus und Fanatismus verläuft". Der fleißigen Stadtverwaltung seien aufgrund des Agierens unter dem Haushaltssicherungskonzept seit Jahren die Hände gebunden. Aber beim Klimaschutz werde beinahe bedingungslos aufgesattelt. Seit Februar hat die Stadt einen Klimamanager. Auch, wenn der Bürgermeister immer wieder Förderprogramme anzapfe, Eigenanteile bleiben. Für Andreas Claus ist Klimaschutz aber auch Vorsorge – für die junge Generation, "der wir hier in Elbe-Elster eine Perspektive bieten wollen". Klimamanager Daniel Willeke, der schon auf Bundesebene als Netzwerker und Berater gearbeitet hat, wird sich nach Überzeugung des Bürgermeisters "bald selbst bezahlen". Immerhin 38 Einzelmaßnahmen des städtischen Klimaschutzkonzeptes sind umzusetzen. Andreas Claus wird auch dazu heute in Cottbus sprechen.
Und er wird vermitteln: "Wenn so ein Konzept gelingen soll, dann muss man es leben."

Zum Thema:
Das Cottbuser Radisson Blu Hotel ist heute Tagungsort für den 18. Brandenburger Energietag 2016. Dabei werden Erfahrungen bei der "Synchronisation der Energiewende-Herausforderungen für konventionelle und erneuerbare Energien" vermittelt sowie Wege zu deren Umsetzung beraten. Der vom Potsdamer Wirtschafts- und Energieministerium initiierte Austausch wird sich auch mit der Bedeutung der Lausitzer Braunkohle für eine erfolgreiche Energiewende in Deutschland beschäftigen und die Perspektiven der erneuerbaren Energien für eine verlässliche Energieversorgung beleuchten. Erstmals wird beim Energietag 2016 der "Brandenburgische Energieeffizienzpreis" verliehen.


Quelle: Lausitzer Rundschau / Brandenburg (19.09.2016)

Drucken